Denn die Fremdheit ist in der Kunst ein kostbares Gut, das es erlaubt, die Wahrnehmung des Alltäglichen zu brechen und ihr die nötige Distanz zur Gewohnheit einzuhauchen. 
Georg Imdahl

art AKT 10 Jahre Kuratorium für Kunst

Führung durch die Ausstellung
Dass es in der aktuellen Kunstgeschichte nicht nur neue Themen und Genres gibt, sondern auch immer wiederkehrende, kann man an dieser letzten Ausstellung des Kuratoriums sehen, welche nun das versammelte Spektrum der Kunst der beteiligten Künstler umfasst und dadurch auch zu den Themata Stellung nimmt, ohne diese bewusst hervorzuheben. Landschaft und menschliche Figur, Zeit und Raum, Objekt und Handlung, Stilleben und Bewegung,  Farbe und Kontrast, Poetische Entgrenzung und Konstruktion, real und virtuell, um nur einige Gegensatzpaare zu nennen, kann man hier im Dialog betrachten .
Diese Themen erfahren gleichfalls ihre Manifestationen in alten wie neuen künstlerischen Medien, wie Malerei, Zeichnung, Fotografie, Skulptur, Objekt und Video. Installation und Kunstaktion.
Die Chronologie der Ausstellungen des LKP Kuratoriums für Kunst können sie in der Kanzlei kostenlos erhältlichen Dokumentation nachvollziehen. Querverbindungen können sie dagegen selbst in der Ausstellung entdecken zu der ich sie herzlich einlade. Selbstverständlich können sie die Werke erwerben, welche nicht schon der Sammlung von LK&P gehören. Eine Preisliste und die Bezeichnung der Werke finden sie in der Ausstellung. Ich stelle ihnen nun die Künstlerinnen und Künstler in der Abfolge der Räume und Korrespondenzen vor.
Beginnen wir mit der Skulptur „Pezzo“ im Vorgarten von

Christoph Freimann
Ihm gelingt es mit einem sehr einfachen und klaren Konzept immer neue und eindrucksvolle Skulpturen zu gestalten. Die Kunst von Christoph Freimann definiert sich aus der Konstruktion des Würfels. Seine 12 Kanten werden vom Künstler zerlegt und neu kombiniert. Dadurch wird die ursprüngliche Form zerstört, aber unendlich neue Formen entstehen im rational kreativen Spiel. Ob monumental oder im kleinen Format immer vermitteln sie Dynamik und trotz ihrer Abstraktheit Individualität und Charakter. (1 + 18)

Klaus Heider
Eine weiße Marmorplatte und eine dunkle Granitplatte verbinden sich durch eine gravierte Zeichnung, welche zwei Kegel mit gleicher Kreisbasis darstellen. Der Titel „durch die Zeit“, weist lapidar auf den Anfang, das Maximum und das Ende unseres Universums hin. In Zahlen ausgedrückt, 59,52 X 109 also 59,52 Milliarden Jahre. Der Radius der maximalen Ausdehnung ist 18,9 X 109 Lichtjahre oder entsprechend 1,79 X 1028  Zentimeter.  Ich nannte dies bei seiner Ausstellung ein wirklich schlichtes Firmenschild für eine übermächtige Agentur. Wir begegnen ihm wieder im Besprechungszimmer mit der Fotoarbeit „Im negativen Raum“, aus der Serie Raumerlebnisse im PANTHEON. Die Affinität dieses Baues in Rom  mit dem menschlichen Auge, diese intensive Beobachtung und Fotoproduktion sind für sein Werk prägend geworden. Immer wieder richtet sich sein Blick auf das Lichtauge Ophaion, zur Blendung unseres Auges im grellen Sonnenlicht um das Positiv/Negativ oder das gute Böse und das böse Gute ergründen. Ein nicht geschautes Bild kann auch in sein Gegenteil verkehrt werden. Dann bedeutet „Licht-Materie“ auch Antimaterie, oder schwarzes Loch und zeigt uns die Endlichkeit des Universums? (2 + 28)

Die Künstlerin Rosalie verwandelte in ihrer Ausstellung 1998/99 das Haus in eine „Villa magica“ und begrüßte mit einer großzügigen Geste “Bienvenue” die Gäste. Ein leuchtendes  Farbspektrum und zwei höflich gesenkte schwarz weiße Häupter. Die Farben könnten auch eine Referenz an die Bildmittel sein. Schwarz und weiss repräsentieren den mentalen Kontrast und die Farben die emotionalen Variationen. Die blaue Blume der Romatik erinnert an den Sehnsuchtspol und ironisiert gleichfalls unserere blauäugige Sehsucht (blaue Iris).(3 +21)

Christian Günther bevorzugt in seinen Malereien Mischtechniken. Das Spektrum reicht von der freien Zeichnung mit Grafit, Tusche, Kohle oder Buntstift bis zum malerischen Einsatz der Fettkreide, der farbstarken Gouache, der lasierenden Aquarellfarbe, der opaken Acrylfarben, dem selbst entwickelten Wachsschmelz-Verfahren, sowie diese in Kombination mit den Druck-Techniken wie Siebdruck und Lithographie. In der „schwarzen Serie“ zeichnet er auf Zeitungspapier mit Fettkreiden und Guache. Und in seinen Bild RolOvaAva 1995 aus dem Greedzyklus kombinierte er Siebdruck mit Wachsmalerei.(4 + 44)

Boris Schmalenberger richtet seinen fotografischen Blick mehr auf die Menschen und deren soziale Bedingtheiten. Sehen und gesehen werden. In spartanischer Strenge hatte er den Zyklus „Lebensstationen“ allegorisch dargestellt. Es sind nur Dinge zitiert, die  den Entwicklungsgang des Menschen repräsentieren. Säuglingsbett, Schultafel, Werkspind und Normsarg. In seiner neueste Serie „Bilderbuch-Frauen“ ist er einem anderen Klischee auf der Spur. Nach ausgiebigen Recherchen im Internet hat er in verschiedenen deutschen Städten Tätowierte Frauen besucht und sie in ihrem eigenen Ambiente z.T. als Porträt und Akt fotografiert. Die dokumentierte Härte steht im Gegensatz zur Hochglanzerotik bestimmter Magazine. ( 7 +9)

Thomas Weber
verwendet einen der ältesten Werkstoffe in der Kunst, den leicht formbaren Ton, der durch ihn unmittelbar und roh, trotz kunsthandwerklicher Tradition in eine moderne Formensprache transformiert wird. Ihm gelingt es mit einfachstem Handwerk (Aufbaukeramik) und archaischen Formen, unsere hochtechnische und komplexe Welt ironisch zu entlarven. Spulen, Wickel, Knoten, Haken, Flaschen, Körbe, naturfarben, oder grellbunt glasiert, lüstergolden oder nachtschwarz, zeigen uns eine Parallelwelt des Künstlers , die uns belustigt und gleichzeitig erschaudern lässt. (8, 32+ 39)

Katja Brinkman  schichtet in ihren Acrylbildern runde Formen derart ,daß man glaubt sie mit Blicken durchdringen zu können um dahinter einen Horizont wahrzunehmen. Das beherrschende Oval  ist ihre beliebte Grundform. Immer wieder erscheint es uns in ihren Bildern zentral, oder angeschnitten, von Kreisen umgeben, oder durchbrochen mit Ellipsen. Dieses Vexierspiel, wo ist Fläche und was ist Raum, ist eine ständige Irritation unserer Wahrnehmung. Wir fühlen uns angezogen und dennoch auf Distanz gehalten. Eine ähnlche Erfahrung machen wir mit digitaler Ästhetik, die uns durch Perfektion unerklärbar fasziniert aber in der Emotion ohne Orientierung lässt..( 10,11, 29 +53)

Jörg Mandernach
In dem fünfteilige Enkaustikbild von Jörg Mandernach "die Göttin" 1998 ist in mehrdeutiger Weise die Welt unserer Idole und Götter reflektiert. Zunächst ist es in einer antiken Maltechnik der Griechen und Römer der Enkaustik (dem Wachsschmelzfarbauftrag) gemacht wie diese z.B. in Pompeii und den hellenistischen Mumienportraits von Fajum wiederentdeckt wurde. Dann ist die Art des Bildausschnitts von dem Medium Film adaptiert, unsererm täglichen Götterhimmel. Und zuletzt ist der Titel ins französische übersetzt la Déesse auch noch die populäre Bezeichnung für den Citroen DS.
Roland Barthes hat in seinem Essai ,, Der neue Citroen" geschrieben:
"Die Déesse hat alle Wesenszüge eines jener Objekte, die von einer anderen Welt herabgestiegen sind, von denen die Neomanie des 18. Jahrhunderts und die unserer Science Fiction genährt wurden In der DS steckt der Anfang einer neuen Phänomenologie der Zusammenfassung, als ob man von einer Welt der verschweißten Elemente zu einer solchen von nebeinandergesetzten Elementen überginge, die allein durch die Kraft ihrer wunderbaren Form zusammenhalten, was die Vorstellung von einer weniger schwierig zu beherrschenden Natur erwecken soll. "
Das Prinzip der Montage bezeichnet auch den Übergang von der handwerklichen zur industriellen Fertigung.
„Stäube“ nennt Jörg Mandernach seine neue Bilder Serie von 2006
Wir kennen den Staub der Geschichte, den Staub auf den Bildern , aber den Plural „Bilderstäube und  Gedankenstäube“ sind eine mandernachsche Sprach- und Bildschöpfung. Wenn sich Grace Kellys Portrait mit Bischoffsmütze und Glühbirne verbinden werden viele Farbenstäube aufgewirbelt, die dann luftdicht mit der Enkaustiktechnik verschmolzen werden. (12 + 20)

Uwe Seyl
Was ist heute noch Natur? Wir leben immer mehr in einer artifiziellen Welt und die intakte Natur ist höchstenfalls noch ein Biotop das wir bald trockenlegen werden. Hier übernimmt die Fotographie die dokumentierende Rolle in einem Prozess der globalen Transformation der Natur zum Objekt.
In der Doppelausstellung „Nach der Natur“ mit Boris Schmalenberger haben beide Künstler sowohl in der Landschaftsfotografie wie im Interieur das abzubildende Naturhafte reflektiert. Uwe Seyl steht in der Tradition der Landschaftsphotographie, aber mit einem zeitbezogenen kritischen  Aspekt.

In seinem Bild 8 Tage fotografierte er die die Gerippe einer ausgeweideten Landschaft, Reste eines Kupferbergwerkes am Rio Tinto, wo die Vegetation langsam ihre Narben überdeckt. Eine eigenartige romantische melancholische Stimmung prägt auch sein Bild „Aussichten“ im 2. Stock. (19 +38)

Eine andere Auffassung von Landschaftdarstellung stellt das Bild „Silicon Valley“
aus der Serie Alblandschaften  von

Uwe Schäfer
dar. Eine Alblandschafts-Silhouette ist überlagerte von fliegenden Siedlungs- Strukturen und losgelösten Massen. Fiktion und Realität überlagern sich. Massen verdichten sich und lösen sich wieder auf und alles ist im Fluss. Keine Fundamente, keine Festlegungen sind erkennbar, nur Vorläufigkeiten. Selbst der Horizont vervielfältigt sich in mehreren Schichten.
Uwe Schäfer gehört wie Jörg Mandernach und Matthias Beckmann zu der Künstlergruppe „Die Weissenhofer“. Dieser Kerngruppe sind die asozierten Mitglieder Thomas Raschke und Sebastian Rogler die sich „Das deutsche Handwerk“ nennen, beigestellt. ( 31)

Thomas Raschke vertraut als Bildhauer nicht den traditionell edlen schweren Materialien seiner Zunft. Es sind Zustände von Materie, Provisorien, Ideen einer Konstruktion die materialisiert werden. 3 D Zeichnungen die als transparente Drahtskulptur den Raum nicht füllen, sondern definieren wollen. Das Grundig-Radio ein Standard der 60 iger Jahre repräsentiert nicht nur das Objekt, sondern auch die Epoche der Neukonstruktion und  des Wirtschaftsaufschwungs. (30)

Matthias Beckmann s
Bleistiftzeichnungen im Treppenhaus sind keine Karikaturen, sie strahlen die Abgeklärtheit und innere Gelassenheit, eines genauen Beobachters aus. Beckmann zeichnet überall, wo es alltäglich unauffällig und dennoch spannend zugeht. Im Museum, im Bundestag, bei Wissenschaftlern , aber auch im privaten Ambiente, wie in der hier gezeigten Serie “ Weihnachten  im Sauerland”.
Mit feinen gleichmässigen Umrisslinien füllt er die Blätter, die unsere Phantasie plastisch ergänzen kann. Trotz des alltäglichen Inhalts, wird immer ein innerer, oder äußerer Vorgang mit einfachsten Mitteln deutlich gemacht, was häufig nur einen ironischen, oder absurden Schluß zuläßt. (33)

Darüber hängt ein Photoobjekt von

Sinje Dillenkofer
Die Stuttgarter Fotokünstlerin  analysiert mit Hilfe der Fotografie gesellschaftliche Strukturen, Wert  und Naturbegriffe und stellt Fragen nach Individualität und Authentizität und deren Reproduzierbarkeit.Sie nennt im Gegensatz zur flachen Fotografie ihre Kunstwerke Photoobjekte. Ein Kasten mit goldenenem Seidensatin, aber ohne Inhalt strahlt uns entgegen. Wir kennen den Inhalt der Box nicht, denn er ist entfernt. Vielleicht ein kostbares Silberbesteck, oder Glasvasen. Ein Rätsel wie das Objekt selbst. Bei den Besteckkästen lässt es sich deutlich machen, was sie mit Photoobjekten meint. Die 1999 begonnene Serie beschränkt den Bildausschnitt auf die Dimension des abgebildeten Objektes, ohne den umgebenden Bildraum abzubilden. Abbild und Gegenstand verschränken sich in einem zeitlosen Raum. Der Gegenstand Besteckkasten, wird abgebildet, doch das Photo, das ihn abbildet, wird seinerseits zu einem Photoobjekt, einem geometrischen Körper. Der funktionale Körper, Besteckkasten, wird in seinem Abbild mediadisiert, in einem gewissen Sinne immaterialisiert, er verkörpert sich aber wieder in einem räumlich ästhetischen Objekt, einer Art Skulptur" (34 +51)

Ulrike Flaig
Die jetzt in Berlin lebende Künstlerin Ulrike Flaig reflektiert in ihren Arbeiten unterschiedliche Definitionen und Empfindungen von Raum, Zeit und Bewegung und gibt ihnen in den unterschiedlichsten Medien ihre Ausprägung. Die Themen Rhythmus und Identität werden umkreist; so auch in der Fotoarbeit „Twoloops“.
Schillernde Spiegelstreifen kombinieren sich mit Hula Hoop Reifen. Reflexion mit Selbsterfahrung.  Als „Materialisierte Bewegung“ bezeichnet die Künstlerin Objekte und Installationen, die erst vor kurzem in Einzelausstellungen in der Villa Merkel in Esslingen und in der Galerie 14.1 in Stuttgart zu sehen waren.
die Künstlerin inszeniert lustvoll die komplexe Durchdringung von alltäglichen Erfahrungen und hoch artifiziellen Symbolwelten, von Spiegelungen und realen Bildern. Auch die von LKP erworbene Serie von Zeichnungen deuten mehr auf die Zeit und den Raum als auf das Sujet. Sie sind Notationen von Inszenierungen, oder wie in der Pastelzeichung „Wieder daheim“ Übergänge von An- und Abwesenheit.  ( 15,16, 22 + 45)

Erdmut Bramke
Die Stuttgarter Malerin Erdmut Bramke, die hier in der Nachbarschaft wohnte, entschied noch vor ihrem Tod am 30.11.2002 dass ihre Ausstellung bei dem LK&P Kuratorium für Kunst 2003 „letzte Bilder“ genannt werden sollte. An diesen hatte sie noch Wochen und Monaten zuvor gearbeitet. Ihre Bilder sind aus zahlosen feinsten Farblasuren aufeinander geschichtet, bis ein Farbklang entsteht, der das Bild aus der Tiefe leuchten lässt.
“Der Blick bohrt sich gewissermassen in das Gemälde hinein, versucht fast Unsichtbares zu sehen zu bekommen, oder zu erschließen, und verliert so, in nicht unbeträchtlichem Maße – seine genießende Unbefangenheit. An deren Stelle tritt ein Blick, der härter, wissbegieriger und strenger ist, der nicht mehr so sehr genießen als durchschauen und verstehen will.” Bezeichnete Johannes Meinhardt in seiner Eröffnungsrede die Wirkung ihrer Bilder. ( 13 + 14)

Dorothea Schulz

Dorothea Schulz liebt Dialoge. Sie sie hört genau zu und speichert aber in einem visuellen Gedächtnis die Inhalte ab. Daraus formt sie  Zeichenzyklen, die sich z.T. über Jahre ausbreiten können und die sich in Jahrbüchern ablagern.
Material kann alles sein. Stimmen aus Hörfunk und Fernsehen, Anruferinnen,
Verbraucherhinweise, Vorleser, aber auch Telefongespräche und Gerichtsverhandlungen.  Ich höre sofort, wenn etwas für mich dabei ist, im Klang. Wie
„Sade éclaire Kant. Bataille dit la aussi.“
Sie zeichnet täglich überall, wo sie steht und geht und greift spontan zu einem gefalteten Papierbogen den sie nach allen Richtungen beschriftet, vollzeichnet und dann in eine andere Richtung faltet.   In diesen Faltzeichnungen steht die Welt Kopf und spricht aus dem Bauch.
In der Bibliothek hatte sie in der letzten Ausstellung die sie mit Margarete Rebmann unter dem Titel: “die Realität sieht anders aus” hier zeigte, ihre Notizen, Fundstücke und Skizzen auf dem Schreibtisch ausgebreitet. Jetzt sind ein Teil der Serie Gerichtszeichnungen , die sie zuvor begonnen hatte hier ausgestellt, wie sie auch weitere Blätter in ihrer Einzelausstellung in der Galerie Sturm zeigt. ( 17 + 49)

Margarete Rebmann
Seit Beginn ihrer künstlerischen Arbeit untersucht und visualisiert die Küstlerin auf den Menschen bezogene sichtbare und unsichtbare dynamische Prozesse. Die Inhalte für ihre grafischen, fotografischen und plastischen Arbeiten greift die Künstlerin aus der Wirklichkeit auf. Aber was ist Realität? Sie zeigt deshalb  die vorwiegend verborgenen, oder medial vermittelten, Bilder unserer Existenz. :
„Nur das Gesicht wirft sich voraus in den Raum”. Wie man Netze auswirft, um etwas einzufangen, wirft sich das Gesicht in der Struktur eines Netzes voraus in den Raum.“ Das Netz ist ein metaphorisches Bild für das sensorische Ereignis, das durch die Lichtzeichnung im Raum manifest wird. Zugleich ist die Struktur des Netzes auch Bestandteil der biometrischen Identitätserfassung. Die topologischen Strukturen der Arbeiten: „me and myself“  zeigen in extremer Vergrößerung Teilaspekte der persönlichen Realitätserfassung. Die geschwärzten Linien der Handinnenfläche mutieren zur mysteriösen Landschaft, das biometrisches Selbstporträt als (3-D-Scan) wird zum topologischen Raster einer vermessenen Landschaft. ( 23, 25, 26 )

Lambert M. Wintersberger
Der lange Zeit in Stuttgart und jetzt im Elsass lebende Maler ist fasziniert von Landschaft und menschlicher Figuration. Die erste Ausstellung machte das Kuratorium für Kunst mit ihm, anlässlich des 50 jährigen Jubiläums der Kanzlei LK &P.1997. Unter dem Motto Florenz zeigte er damals Gemälde und Grafiken aus seinen Bilderzyklen zur griechischen Mythologie und zur Renaissance. Seine Kunst orientiert sich an der Klassik. In einem sehr expressiven  Gestus und einer moderner Bildsprache malt die großen Themen unserer Kultur. Rätselhafte, schöne wie gewaltsame Geschichten. Davon ist das Bild griechische Landschaft mit einem übergroßen liegenden Bergkopf in die Sammlung LKP eingegangen. Der griechische Olymp ist auf dem gleichnahmigen Berg angesiedelt. Bei diesem Bild handelt es sich aber um eine Ansicht des südlichen Pilion. Dazu gab er ein neueres Bild eines Interieurs „Stilleben digital“. Was er damit meint, bleibt rätselhaft, deutet offensichtlich nichts auf die digitale Welt hin. Und doch gibt es eine Verbindung. Die digitale Welt ist eine hermetische innere Welt mit einem Fenster zur Aussenwelt. Wird das Herz des Computers die Festplatte geöffnet dann bricht diese digitale Welt zusammen, denn sie ist nur eine Konstruktion und nicht Realität. Wir sehen sie aber als Realität und behandeln sie als solche und machen uns von ihr abhängig. Dieses scheinbar harmlose Illusionsbild mit Vogel, Blume und einem merkwürdigen Tischaufsatz, der selbst wie ein geöffnetes Laufwerk aussieht, kann auch als eine ironische Metapher  auf unsere heutige Welt gesehen werden.  (27 + 46)

Andreas Grunert
Jedes Bild eine ist eine Bühne und liefert sich den Blicken eines Betrachters aus.
Der Maler Andreas Grunert hatte den Betrachter selbst zum Gegenstand des Betrachtens in seiner Ausstellung gemacht. Der Betrachter ist in gewissem Sinne, die künstliche Verdoppelung des Künstlers, denn er bleibt im Bild zurück und beobachtet dieses weiter, ohne von dem Betrachter des Bildes Notiz zu nehmen.
Der Künstler lebt in einer eigenen Welt, dem man über die Schulter sehen kann. aber nur dann versteht, wenn man in sein Bild eintritt. Woher kommt der Anruf ? Der uns den Rücken zukehrende Anrufer blickt auf eine fahle grüngelbe Wand die räumlich nicht endet. Eine kleine Gestalt steht auf dem Oberarm und lauscht mit. Der Handymann, unser ständiger Begleiter, ohne den wir nicht mehr auskommen können, ist unser eigener Schatten.  Wir haben diese Szene alltäglich vor Augen und doch ist sie in diesem Bild unendlich fremd.(43 + 47)

Marianne Eigenheer
Fremd und dennoch bekannt scheinen uns die Bilder der Schweizer Künstlerin
Die hier einige Zeit als Professorin an der Kunstakademie gewirkt hatte.
Kunst ist für sie in  erster Linie eine allseitige Lebensaufgabe und philosophische Tätigkeit. In dem Spannungsfeld der Kulturen sieht ME auch ihre große pädagogische Aufgabe: Bedingungen zu schaffen für eine kreative, gewaltfreie Kommunikation zwischen Völkern und Kulturen. Sie sucht die Schnittstellen und nutzt sie.z. B. machte sie bei den Vanatu auf den neuen Hebriden eine Feldforschung für das Museum der Kulturen in Basel. Sie zeichnet vielfach rätselhafte Gestalten, die einem dünken irgendwie bekannt zu sein, an die wir uns aber nicht mehr erinnern können, weil sie tief in dem Unbewußten verborgen sind. Ihre Zeichnungen erscheinen wie Traumfiguren oder fremdartige Symbole, oszillieren zwischen uns bekannten,wie z.b. einem Gingkoblatt und völlig abstrakten, unbewußten Formen. ( 35, 36, 37, 40, 41)

Gerrit Hoogerbeets
Ist Objektkünstler aber nicht nur das, es gehört zu seiner künstlerischen Praxis dass er  sein Tun und Lassen auch sprachlich reflektiet. Er bleibt nicht bei den
Gegenständen stehen, sondern sellt sich vor, hinter und neben sie und setzt die Objekte wie in Versuchsanordungen verschiedenen Agregatszuständen aus. Dabei wird peinlich genau darauf geachtet, daß nicht zuviel Ordnung das Er-schaffene gefährdet. Bei der Fotoarbeit „speculative Turn“ handelt es sich  um gestülpte Sport- oder Hundetaschen. Die Henkel wirken wie Turngeräte eines privaten Fitnessraumes. In dem Objekt  Modell „binario“, 2007 des IGLG  aus der Serie Digimania, entkernt er einen Computer und verwendet dessen Hülle  als Mikrowellenherd. Eine Simmulationsanordung für Unterlassungen.(5,6, 50,52)

Auch eine Form aktiver Unterlassung ist das UM 3 von Prof.
Georg Winter
Um weiterhin im Training zu bleiben ist für die aktuelle Ausstellung neben dem UCS Flachbildschirm das 2005 vorgestellte und langjährig aus den Bereichen Mediamotorik, Cinesomatik, Artrelax und Mediarelax entwickelte Übungspaket „Mentales Kräftigungstraining durch aktive Formen der Unterlassung nach Prof. Winter (UM urban motorics)“ zur Anwendung bereit. 
Denn mentales Kräftigungstraining durch aktive Formen der Unterlassung nach Prof.Winter mit UM 3 (urban motorics) sieht er auch als Übungmethode um sich des Kunstprogramms in Zukuft zu entwöhnen. Georg Winter hat als einziger Künstler sich aktiv in den Funktionsbereich und Geschäftsbereich der Kanzlei sich eingenistet. Sein Projekt war ein echtes Kooperationsprojekt, den  er liess sich beraten ob und wie seine ukiyo camer systeme und Bildschirme zu patentieren, oder zu schützen wären. Er beschreibt dieses Projekt, für das ein Video produziert wurde, und das als DVD einer Vorzugsedition beiliegt, wie folgt:
„Der Erfolg der Kooperation zwischen den Anwältinnen und Anwälten der Kanzlei Lichtenstein, Körner und Partner und Ukiyo Camera Systems liegt nicht in der Abgrenzung von unterschiedlichen Vorstellungen menschlicher Interaktion sondern in der differenzierten Erweiterung dieser Vorstellungen in die gemeinsamen Randbereiche der menschlichen Bedingtheiten.“ Es geht ihm nicht um eine technische Definition von Handlung und Handhabung , sondern um deren Unterlassung, um aus Systemzwängen einen Ausweg zu finden. (24+ 54)

Immanuel Preuss
Eine andere Art von extremer Intervention in den gewohntene Geschäftsräume vollbrachte er mit einfachen Mitteln. Er negiert z.B. Selbstverständlichkeiten anderer Künstler, die Wände und Boden als Träger ihrer Werke betrachten und den Blick aus dem Raum in ihren Bildraum lenken. Bei Immanuel Preuss befindet sich der Betrachter selbst im Bildraum, der Raum verwandelt sich selbst zum
Kunstwerk. Diese Transformation des Raumes nennt man in der Kunst eine Installation. Bei Preuss geht dies jedoch noch weiter. Sein plastisches Verständnis
und Tun erschöpft sich nicht in singulären Skulpturen, oder streng formalen Arrangements, oder in technischen Gebilden. Er macht Eingriffe in die Funktion der Räume mit relativ einfachen und stillen, fast kunstlosen Mitteln. Diese Interventionen verändern den gewohnten Raum deutlich. "die Verbindung zwischen Gestaltetem und Ungestaltetem, Vorgestaltetem und Aufgefundenen markiert den spannungsvollen Weg des Betrachters, der sich zwar mancher didaktischen Krücke bedienen, aber ebenso ratlos bleiben kann. Verharren doch die Dinge in sich und werden nur durch die Phantasie in Bewegung gesetzt. Betrachter und Künstler erkennen, daß sie beide an der Betrachtung teilhaben, wobei der Künstler aus der Betrachtung gestaltet, d.h. den vorgefundenen Zustand der Dinge vergisst, der Betrachter aber vergleicht und sich erinnert.”
Diese neue Installation “Tableau Polarität” wie der Künstler seine Arbeit benennt war nur temporär zur Vernissage sichtbar. Ein Foto zeigt die Situation die nicht mehr materiell vorhanden ist, sondern nur im Gedächtnis der beteiligten bleibt. (42)


Sebastian Rogler
Der wie schon erwähnt zur Künstlergruppe „das deutsche Handwerk“ gehörende Berliner Künstler kommentiert in seinem Bild selbst die Haltung des Betrachters.
„schick“ oder radikal schick sind heute schon Bezeichnungen für aktuelle Kunst. Kunst und Mode gehen heute eine immer kurzweiligere Symbiose ein. Ist die Kunst bei LKP vielleicht auch nur gesellschaftliches Amüsement, oder trifft sie auf ein tieferes Verständnis? Ist das wohl eine Frage, die der Künstler zum Ende der
10 jährigen Ausstellungsreihe stellt?  (48)

Epilog
Ich habe als Kurator meine Aufgabe darin gesehen, möglichst vielfältig ein Ausstellungsprogramm zu gestalten, das eine spannende Kunstrezeption für den Betrachter auch in Geschäftsräumen bieten konnte. Für die Aufgeschlossenheit und das Vertrauen in meine Arbeit möchte ich mich bei den Anwalts-Partnern bedanken, denn es wurde ihr Kunstverständnis oftmals auf eine harte Probe gestellt. Die Bereitschaft der Anwälte diesen Freiraum für das künstlerische Experiment zu gewähren war großartig, auch wenn nicht immer alle Projekte verstanden und akzeptiert wurden. Es zeugt von hoher mäzenatischer  Haltung diesen Weg 10 Jahre mitgegangen zu sein. Bedanken will ich mich bei allen Künstlern, Autoren, Mitarbeitern und bei Frau Susanne Jakob für ihre Analyse und Evaluation des Programms bei den beteiligten Partnern und Mitarbeitern und bei Laura Bernhardt für die Gestaltung der Dokumentation.
Warum nannte ich diese letzte Ausstellung art-Akt. Wenn Juristen eine Arbeit beginnen, legen sie eine Akte an. Wir beschließen nun die Akte Kunst, welche
für zehn Jahre für diese Kanzlei prägend wurde und hoffen dass deren Spuren in der Kanzleigeschichte weiterhin präsent bleiben und sich eingeprägt haben. Denn nicht ad Akta soll dieses Engagement gelegt werden, sondern als aktiver Bestanteil des Gedächtnisses weiterhin wirken.

Ulrich Bernhardt Kurator